Hamburg, im Oktober 2000
Herzlich willkommen.
Machen Sie es sich doch schon einmal bequem, entspannen Sie sich und legen Sie vor allen Dingen Ihre Nervosität ab. Auch wenn Sie in wenigen Sekunden ein Vorstellungsgespräch bei uns in Hamburg haben: Sie müssen nicht aufgeregt sein. Wirklich nicht. Wir sind nett.
Kolle Rebbe präsentiert Ihnen heute eine absolute Sensation:
das erste theoretische Vorstellungsgespräch der Welt.
Unsere Forscher und Entwicklungsingenieure haben eine Methode entwickelt, die es Ihnen ermöglicht, innerhalb einer einzigen Sekunde in die Speicherstadt im Hamburger Freihafen zu gelangen. Das Ganze ist ein höchstkomplizierter Prozeß, der ziemlich viel mit systematischer Synapsenbearbeitung, tiefenpsychologischem Emo-Krawall, relativitätstheoretischer Fallgeschwindigkeitsüberwindung und nicht zuletzt einem simplen schwarz/weiß-Kopierer zu tun hat. Das genauer zu erklären, wäre zu kompliziert.
Stellen Sie sich einfach Folgendes vor:
Sie sind jetzt in Hamburg. Mitten im Hafen, genauer in der Dienerreihe 2. Sie betreten ein altes Lagergebäude und fahren mit dem Fahrstuhl ein paar Stockwerke nach oben. Dort treffen Sie auf ...
Die beteiligten Personen:
Sie als ich, Stephan F. Rebbe als Stephan F. Rebbe.
Alles klar?
Dann kann es ja losgehen.
Nachdem ich mich im Hamburger Freihafen verlaufen und nach mehreren Versuchen die tonnenschwere Massivstahleingangstür aufbekommen habe, stehe ich in einem lichtdurchfluteten Raum. Die alten Holzdielen schwingen ein wenig unter mir und geben mir das Gefühl, auf einem Schiff zu sein. Die leicht spießigen Krawattenträger geben mir irgendwie das Gefühl, in einer Spedition oder so zu sein.
Mein Gefühl hat sich nicht getäuscht. Ich habe mich im Stockwerk vertan.
Wenige Sekunden später stehe ich bei Kolle Rebbe. Um mich herum viel Glas und viel Stahl.
Die äußerst entzückende Empfangsdame begrüßt mich herzlich und fordert mich auf, schon mal im schick verzierten Konferenzsaal Platz zu nehmen.
Und jetzt sitze ich hier. Vor mir steht das leckerste Buffet, das ich je in meinem Leben gesehen habe. Das kann unmöglich für mich sein. Obwohl ich viel Hunger und großen Durst habe, traue ich mich nicht, mir einfach etwas zu nehmen. Meine Hände sind ganz naß, mein Puls rast, meine Schläfen pochen, und mein Herz ist mir vor Aufregung in die Hose gerutscht.
Ich nehme mir jetzt doch einfach einen schönen Marmeladenkeks, stecke ihn mir schnell in den Mund, als ... ein Mann mit Brille den Raum betritt.
Ich hoffe nur, dass ich ihn nicht mit Kekskrümeln vollspucke.
Es ist zu spät.
(Der Mann mit Brille:)
„Hallo, ich bin Stephan F. Rebbe. Kannst du zu mir sagen.“
(Ich, verkrampft):
„Hrrrmpff.“
(Stephan Rebbe, beruhigend:)
„Darf ich Dir was anbieten? Kaffee, Kekse, Champagner, Kaviar, Scampis, Firmenwagen, Assistenten, Provisionen?“
(Ich kichere doof, falle auf den Scherz rein):
„Hihihi, dann nehm´ ich Champagner, bitte.“
(Stephan Rebbe, stellt mir ein Glas Wasser hin:)
„Hier bitte schön, Dein Champagner. Lockert die Zunge, damit Du ein bißchen was von Dir erzählen kannst.“
(Ich, räuspere mich:)
„Also ... 1989 habe ich mein erstes Praktikum gemacht.
(Stephan Rebbe, reißt die Augen auf:)
„In welcher Agentur?“
(Ich, wie ein Tonbandgerät:)
„Im Supermarkt. Regale auffüllen. Und ein paar Sonderangebotsschilderschreiben.“
(Stephan Rebbe, reißt die Augen auf:)
„Ach ...“
(Ich, unbeeindruckt:) „Und danach bin ich im Schuhladen gewesen.“
(Stephan Rebbe, begeistert:)
„Oho – im Schuhladen ...“
(Ich:)
„Ja. Schaufenster dekorieren.“
(Stephan Rebbe, kriegt sich kaum noch ein:)
„Unglaublich ... hast Du etwa auch Auslandserfahrung?“
(Ich, werde langsam sicher:)
„Aber natürlich. Ich war früher ein paar Mal in Holland auf dem Campingplatz, letztes Jahr das erste Mal in Österreich, und jetzt komm ich gerade von einer Woche last-minute wieder.“
(Stephan Rebbe, ihn hält es kaum noch auf dem Sitz:)
„Wo?“
(Ich, trocken:)
„Myrnoskarnymoskakis. Das ist in Griechenland. Halbpension. 150 Meter zum Strand.“
(Stephan Rebbe, schenkt sich Wasser ein:)
„Das hört sich ja ziemlich perfekt an.“
(Ich, lässig:)
„Ja. Essen gut, Wasser warm, nur der Strand ...“
(Stephan Rebbe, schenkt sich immer noch Wasser ein:)
„Ich meine eigentlich Deinen Werdegang. Was hast Du so für Kunden betreut?“
(Ich, leicht verunsichert:)
„Kunden?“
(Stephan Rebbe, verschüttet Wasser:)
„Ja, Kunden.“
(Ich, wieder sicher:)
„Ach so. Also Herrn Kottengasser, Größe 42, den mochte ich immer gern und Frau Gmölz, Größe 38/39. Die waren nett und wußten immer, was sie wollen.“
(Stephan Rebbe, nachdem er einen großen Schluck getrunken hat:)
„Wo war das?“
(Ich, wie aus der Pistole geschossen:)
„In Elkes Schuh-Paradies. Da wo ich auch die Schaufenster gemacht habe.“
(Stephan Rebbe, zufrieden:)
„Ach ja. Hab viel davon gehört.“
(Ich, leicht verunsichert:)
„Echt?“
(Stephan Rebbe, glücklich:)
„Nein. Ich habe Dich ins Boxhorn gejagt. Was stellst Du Dir denn eigentlich so vor ... rein gehaltsmäßig?“
(Ich, stutzend, mit dieser Frage habe ich gar nicht gerechnet:)
„Äääähm ... also ...“
(Stephan Rebbe, lächelnd:)
„Nun, ich fasse nochmal zusammen: Erste Erfahrungen im Food-Bereich, dann eigene Modekunden und danach Ausland. Das ist doch was.“
(Ich, hole einen zerknüllten Zettel aus meiner Hosentasche:)
„Ich hab auch noch Zeugnisse ... hier.“
(Stephan Rebbe, väterlich:)
„Vergiss Zeugnisse. Die braucht kein Mensch. Zumindest nicht hier.“
(Ich, knülle den Zettel wieder in meine Hosentasche:)
„Na gut ...“
(Stephan Rebbe, geschäftsmännisch:)
„Nun zum Gehalt: Wieviel hast Du bisher verdient?“
(Ich, neckisch:)
„Insgesamt?“
(Stephan Rebbe, hört gerade nicht zu:)
„Ähh ... ja.?“
(Ich, rechne:)
„Sieben, acht, einen im Sinn, also ...“
(Stephan Rebbe, mit Zockermiene:)
„Acht?“
(Ich, gedankenverloren:)
„In der ersten Hälfte, ja ...“
(Stephan Rebbe, mit Pokerface:)
„Also 9 und nach der Probezeit das Doppelte. Ist das gut?“
(Ich, rechne:)
„Probezeit?“
(Stephan Rebbe, wieder mit Zockermiene:)
„Hast recht, brauchen wir bei Dir nicht. Also gleich 17.“
(Ich, verunsichert, denn Zahlen waren noch nie mein Ding:)
„17 was?“
(Stephan Rebbe, gelassen:)
„17 tausend im Monat.“
(Ich, mir wird schlecht:)
„Kann ich mal kurz auf Klo?“
(Stephan Rebbe, erleichtert:)
„Ja. Hier raus und die erste rechts.“ Kleine Pause. Ich stehe jetzt im Bad, vor mir der Spiegel. Im linken Mundwinkel hängt mir ein halber Marmeladenkeks, außerdem bin ich blaß und fahl. Dieser nette Mann will mir sehr viel Geld geben, damit ich für ihn arbeite. Ich gehe jetzt wieder in diesen Raum und werde weiter verhandeln.
(Stephan Rebbe, telefoniert aufgeregt:)
„Was? Bei 729? Verkaufen ... und die anderen? Bei Tausendneunhundert? Auch verkaufen. Ja. Gut. Okay. Bis später auf dem Golfplatz ... wie? Nein. Kapstadt. Ich nehm´ den Jet ... ja ... okay ... bis gleich.“
(Ich, sicher:)
„So. Da bin ich wieder.“
(Stephan Rebbe, lächelt:)
„Hach, immer diese Kunden.“
(Ich, sicher:)
„Ja, also wir wollten jetzt ...“
(Stephan Rebbe, fordernd:)
„Wann kannst Du anfangen?“
(Ich, gelassen:)
„Ich habe noch eine Woche Resturlaub, dann könnte ich ...“
(Stephan Rebbe, mütterlich:)
„Ach ja, Urlaub ... Bei uns gibt es automatisch 60 Tage. Aber weil ich Dich so nett finde, bekommst Du noch 20 mehr. Okay?“
(Ich, überrascht:)
„Das sind ja dann 70 Tage!“
(Stephan Rebbe, großherzig:)
„Hört sich blöde an, oder? Ich geb’ Dir 100. Okay?“
(Ich merke, daß ich dümmlich grinse:)
„Na, klar.“
(Stephan Rebbe, fordernd:)
„Hast Du noch Fragen? Zum Unternehmen, unserer Philosophie, unseren Kunden, meinem Privatleben oder sonstwas?“
(Ich, fragend:)
„Wann fangt Ihr eigentlich an?“
(Stephan Rebbe, spontan:) „Die Kreation um halb sieben, die Berater gegen zwölf. Wenn man um zwei oder drei mal reinguckt, reicht das dicke. Die Beratung arbeitet auch nur Mittwochs und Freitags. Und nie am Wochenende. Das ist verboten.“
(Ich, ruhig:)
„Ach ... wirklich?“
(Stephan Rebbe, ernst:)
„Nee. War ein Witz. Natürlich nur jeden zweiten Mittwoch.“
(Ich, fröhlich:)
„Haha.“
(Stephan Rebbe, brüderlich:)
„Wann kannst Du denn anfangen?“
(Ich, lache immer noch über den Witz von eben:)
„Mmmm-mm-mm-mittwoch?“
(Stephan Rebbe, nachdenklich:)
„Mittwoch geht nicht, da haben wir unser monatliches Agenturfest. Diesmal in Tibet. Aber übernächsten Mittwoch. Willst Du selbst kommen oder sollen wir Dich abholen?“
(Ich, wundere mich über gar nichts mehr:)
„Ja. Aber mit dem Helikopter.“
(Stephan Rebbe, glücklich:)
„Na gut. Sonst hätten wir Dich mit Deinem Firmenwagen abgeholt. Aber Helikopter ist ja auch nett.“
(Ich, lasse mir nichts anmerken:)
„Firmenwagen?“
(Stephan Rebbe, wie ein väterlicher Freund:)
„Ich fahre jetzt Bugatti, den kann ich dir auch empfehlen.“
(Ich, schnellentschlossen:)
„Ja. Bugatti. Klar.“
(Stephan Rebbe, so froh wie noch nie in seinem Leben:)
„Na siehst Du. Wunderbar. Wir sehen uns dann am nächsten Mittwoch. Den Vertrag schicken wir Dir einfach zu.“
(Ich, lächelnd:)
„Jaja, nächsten Mittwoch. Klaro.“
(Stephan Rebbe, holt etwas aus seiner Hosentasche:)
„Ach so, hätte ich fast vergessen: Hier sind die zweitausendfünfhundert Euro Aufwandentschädigung für Dich.“
(Ich, fragend:)
„Wie? Zweifünf ...?“
(Stephan Rebbe, freundlich:)
„Stimmt. Ist ein bißchen wenig. Hier sind neun. Nimm mit ...“
(Ich, zufrieden:)
„Ja, danke ...“
(Stephan Rebbe, großmütterlich:)
„Und hier ... noch einen leckeren Marmeladenkeks. Iß nur, die mag hier sowieso keiner.“
(Ich, glücklich:)
„Ja, danke ...“
Das war’s.
So oder so ähnlich läuft ein Vorstellungsgespräch bei uns ab. Rein theoretisch natürlich. Wie das tatsächlich in der Praxis aussieht, können Sie vielleicht schon bald selbst erleben.
Vorausgesetzt, Sie vereinbaren einen Termin mit uns und besuchen uns leibhaftig in Hamburg. Da gibt es auch leckere Marmeladenkekse, das können wir Ihnen schon jetzt versprechen.

